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Pressemitteilungen zur Agentur Wanted


Mein Leben als Statist    

(erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.02.2008)

"Drei Stück mit Bart nach vorne!", schreit der Regisseur – und unser Autor folgt. Für 55 Euro Lohn am Tag ist er mal RAF-Sympathisant, mal Hitlers Soldat. Zur Berlinale: Sein Bericht aus der Arbeitswelt der Komparsen.

Ob ich auch zur Beerdigung von Holger Meins fahre, ruft mir der Langhaarige im Konfirmationsanzug zu, als er mich an der roten Ampel überholt. Vor mir strampeln noch zwei weitere Gestalten gegen den Wind und die Verkehrsregeln an. Wer zu spät kommt, wird gefeuert oder muss länger Schlange stehen, um ins Kostüm gestellt zu werden und die Haare auftoupiert zu bekommen. Ins Kostüm und in die Maske hinein gehen Allerweltsgestalten und heraus kommen Begräbnisbesucher: Familienangehörige, Staatsbeamte, Sympathisanten und Fotografen.

Ein Tag im Herbst 2007. Gleich wird die Beerdigungsszene von Holger Meins für den Film "Der Baader Meinhof Komplex" gedreht (Kinostart: Herbst 2008), und ich bin einer von rund 300 Komparsen. 1974 waren tatsächlich mehr als 5000 Besucher anwesend. Und die wirkliche Beerdigung fand nicht auf dem Waldfriedhof im Süden Berlins statt, sondern im Familiengrab in Hamburg-Stellingen.

Während wir auf den Einsatz warten, beginnen wir, auf eine seltsame, fast befremdliche Art, in unsere Kostüme hineinzuwachsen. Die glaubwürdige Darstellung hat eine Funktion für uns: Wir erproben in den verschiedenen Kostümen die unzähligen Selbstverwirklichungsmöglichkeiten des modernen Lebens. In jeder neuen Verkleidung schlummert ein neues Versprechen, ein neues Leben. Dabei ist es ein billiges Leben fast ohne Risiko. Die Chance, als Soldat im vor kurzem in Berlin gedrehten Hollywoodfilm "Valkyrie" verwundet zu werden, ist gering, die Illusion Soldat zu sein aber groß. Und diese Illusion macht süchtig.

Doch selbst das nachgestellte Leben in der Scheinwelt ist nie gänzlich ohne Gefahren. Was aber sagen meine Mitstreiter, die beim "Valkyrie"-Dreh vom Truppenlaster gefallen sind? Dass sie kriegsversehrt sind? Oder der Polizist, dem bei der Demonstration vor der Springerzentrale ein Lieferwagen über den Knöchel gefahren ist? Dass er bei Studentenunruhen unter die Räder gekommen ist?

Auf dem Waldfriedhofsparkplatz winkt uns ein Ordner zu sich herüber: "Da drüben ausladen", befiehlt er dem Busfahrer, alle Komparsen lachen. Wir sind Material, Requisite, Bildfüller. Im Komparsenzelt steht ein Tisch mit Kanisterkaffee und Käsebrötchen. Für die Schauspieler und Crew gibt es ein eigenes Catering mit Extrawürsten, und jemanden, der darauf achtet, dass wir Komparsen uns dem Wagen nicht mal nähern.

Die erste Einstellung lässt auf sich warten. Als der Regisseur endlich "Bitte" schreit, verwischen für ein paar Sekunden alle Unterschiede zwischen Fiktion und Realität. Wir sind nicht mehr nur Studenten ohne Kaufkraft, Künstler ohne Galerie und Rentner ohne Kirchengemeinde. Am offenen Grab sind die meisten von uns zu denen geworden, die sie darstellen. Fotografen sind Fotografen, Sympathisanten sind Sympathisanten und Beamte sind Beamte. Wir sind Teil der Geschichte.

Rudi Dutschkes Double ruft am Grab mit Inbrunst in fünf verschiedenen Einstellungen: "Holger, der Kampf geht weiter", Otto Schily steht mit versteinerter Miene und kalter Wut in der ersten Reihe, und wir anderen recken in immer kürzeren Abständen die geballte Faust zum Himmel. Erst als der Regisseur "Danke" ruft, durch die Komparsenreihen hindurcheilt wie Moses durchs Rote Meer und dabei seinen Assistenten zuruft, "stellt mir zehn Stück da rüber und drei mit Bart ans Grab", bricht die Realität wieder über uns herein.

Wir füllen für 55 Euro am Tag leere Bilder. Geben unsere Gesichter her für die Geschichten anderer. Die älteren Komparsen um die 60 sind auch damals mit Ende 20 nicht auf Holger Meins Beerdigung gewesen, die fotografierenden Studenten waren nie bei einer Studentenrevolte, und die Staatsbeamten in keiner politischen Krise. Die meisten von uns kennen nur Bahnstreik und Hartz IV.

Mancher Komparse bleibt denn auch während der Drehpausen in der Rolle haften. Die Sympathisanten sitzen konspirativ in der Ecke und rollen sich einen Joint, während zwei Polizisten um das Catering herum patrouillieren und die Brötchenausgabe kontrollieren.

Der Film und nicht das Leben gibt uns ein wenig Glanz, ein wenig Bedeutsamkeit. Wir suchen nach unserem eigenen Leben im Film, nach uns am Grab von Holger Meins, nach uns im Soldatenpulk, und finden das für ein paar Augenblicke zwischen "Bitte" und "Danke", um es gleich darauf wieder zu verlieren. Dabei haben wir nicht mal eine Rolle.

Wir wollen dabei sein im Film und suchen nach Präsenz. Mit diesem Begriff beschrieb der französische Filmkritiker André Bazin das Gefühl des Kinozuschauers. Der Zuschauer sieht und erlebt die Geschichte und fühlt sich in ihr präsent. Der auf die Leinwand projizierte zweidimensionale Bildraum zieht ihn in sich hinein, als wäre er real existierend und dreidimensional. Das schafft nur Kino.

Wir Komparsen erleben das schon beim Drehen. Sobald die Kamera an ist, gibt es keine Komparsenbetreuer und keine Regieassistenten mehr, es gibt nur noch uns und die Geschichte. Wenn wir von Hakenkreuzfahnen umflattert vor dem Bundesfinanzministerium und ehemaligen Luftfahrtministerium als Wehrmachtsangehörige exerzieren, ist das für uns nicht Narrenumzug, sondern Notwendigkeit. Dann sind wir Schauspieler, nicht Staffage. Millionen von Zuschauern wollen unsere Authentizität bewundern. "Film ist Wahrheit", sagte der französische Regisseur Jean-Luc Godard, "24 Mal in der Sekunde". Für uns ist die Welt des Films vorübergehend wahrer als die, aus der wir kommen.

Es gibt natürlich auch den äußeren Zwang zur Authentizität. Wer nicht glaubwürdig darstellt und ernsthaft bei der Sache ist, bleibt nicht lange dabei. Wer auf Holger Meins Beerdigung lacht, wird verwarnt und an den Rand gestellt. Die Aufnahmesituation zwingt uns in die Rolle und lässt keinen Raum für Ironie und Humor. Manchmal schauen wir uns morgens nach der Maske verstohlen nach anderen Komparsen um, die besonders auffällige Kostüme und schräge Frisuren abbekommen haben und lachen leise in uns hinein. Doch egal, wie dumm unser Kostüm aussieht, wir müssen uns mit ihm verbinden, das verlangt der Job. Es ist nicht anders als in anderen uniformierten Berufen: Ein Polizist, der sein Hemd nicht mit Würde trägt, verliert seine Autorität, und ein Arzt ohne Kittel erlangt nie unser ganzes Vertrauen.

In Berlin und Umgebung werden immer mehr Filme produziert, und die Armee der Komparsen wird immer größer. Große Komparsenagenturen wie Iris Müller, Wanted, Filmgesichter und Mechthild Olliges haben zusammen mehr als 50 000 Komparsen in ihren Karteien. Daneben gibt es noch viele kleinere Agenturen. Anders als bei Schauspielagenturen wird fast jeder genommen. Ein Ganzkörperfoto plus Porträtaufnahme, und man ist dabei. Wer jung und schön ist, hat bessere Chancen. Talent braucht man nicht, und viel tun muss man auch nicht, das macht den Job trotz des eher geringen Lohns attraktiv.

Es kommt vor, dass die Maske vor Drehbeginn aus dem Vokuhila einen Pagenkopf schneidet und verlangt, dass für den Historienfilm der Ring aus der Nase muss. Aber wer schon einmal bei der Loveparade getanzt hat, der kann auch bei der Demonstration vor der Springerzentrale mitlaufen. Nur wird man bei Letzterer nicht von einer Fernseh- oder Überwachungskamera gefilmt, sondern von einer 35-mm-Filmkamera und muss sich dabei an die Arroganz einer Armada von Assistenten gewöhnen, die in ihren dicken "The North Face"–Daunenjacken dem ersten, zweiten und dritten Kameramann den Kaffee warmhalten und uns Komparsen dabei zu verstehen geben, dass wir in der Hierarchie des Films wirklich auf der untersten Stufe stehen. Dabei stehen wir oft direkt neben denen, die ganz oben sind.

In "Valkyrie" exerzierte ich als Wehrmachtsangehöriger direkt vor Tom Cruise, dem Oberst Schenk Graf von Stauffenberg. Beim "action" des Regisseurs war ich plötzlich auf Augenhöhe mit dem Star und wollte ihm schon von Soldat zu Soldat verschwörerisch zublinzeln, als sich die Kamera drohend in mein Blickfeld schob und ich, den Regieanweisungen folgend, hart an ihr vorbei ins Leere blickte. Beim "cut" war ich wieder unten angekommen.

Ein Star kommt als Letzter in die Einstellung und geht als Erster. Dreht man im Freien und es ist kalt, gibt es mindestens zwei Assistenten, die an den Rändern der Einstellung auf das "cut" warten und dann durch die frierende Komparsenmenge jagen, um dem Star die Daunenjacke überzustreifen. Komparsen gehen erst dann, wenn selbst dem Allerletzten am Set klargeworden ist, dass man keine Extraeinstellung mehr braucht. Und erst, wenn sie länger als zehn Stunden beschäftigt sind, erhöht sich ihr Tageslohn.

Da stand ich nun mit meiner 55-Euro-Gage so stramm wie nie zuvor in meinem Leben vor dem Oberst Cruise mit seiner geschätzten Fünf-Millionen- Dollar-Gage und freute mich, dass mich die Agentur auch noch für die Szene im Bendler-Block gebucht hatte. Nicht, weil ich dann vielleicht den millionenschweren Star erschießen durfte, sondern weil ich noch einen Drehtag bekommen hatte. Denn selbst Komparsengesichter verbrauchen sich.

Als einmal Komparsen fehlten, blondierte man mir kurzerhand die Haare und stellte mich in der nächsten Einstellung wieder dazu. Der Film braucht uns, auch wenn uns sonst niemand braucht. Wir sind die unbekannten Soldaten des Kinos. Welche Schlachten könnten ohne uns geschlagen, welche Revolutionen ohne uns geführt werden? Wir geben der Geschichte unsere Gesichter. Alle sehen uns, keiner erkennt uns. Wir tauchen in keinem Abspann auf, oftmals sogar nicht mal mehr im fertigen Film. Doch wir sind dabeigewesen, auch wenn wir die Einzigen sind, die das wissen. Wir sind der Hintergrund, vor dem andere sich entfalten, der Himmel, an dem die Sterne glänzen.

Und insgeheim hoffen wir darauf, dass uns irgendwann mal jemand fragt: "Habe ich dich nicht gestern Abend auf der Beerdigung von Holger Meins gesehen?" Das ist dann unser kleines Glück im großen Film.

 

 

Computer und Komparsen -
Magazin Flint Nr.3/2002

Die Berliner Agentur WANTED sucht kleine Leute für große Filme. Angefangen hat alles im Frühjahr 1997 mit 150 Namen auf Karteikarten. Michael Jahnke hatte lange Jahre als Aufnahmeleiter für Filmproduktionen gearbeitet, bevor er auf die Idee kam, Komparsen zu vermitteln. Natürlich kannte er das Milieu und wusste, dass es schon Firmen gab, die Nebendarsteller rekrutierten. „Wir wollten was anderes machen.....

.... Ich wußte aus meinen Erfahrungen als Aufnahmeleiter, was es für Probleme gibt. Man arbeitet mit veraltetem Fotomaterial, die Leute sehen plötzlich ganz anders aus, man hat mit Agenturen zu tun, die nicht seriös sind und Geld von ihren Komparsen nehmen. Wir haben von Anfang an auf digitales Bildmaterial gesetzt. Der Vorteil ist, daß der Komparse kein Geld für Bildmaterial ausgeben muß, und wenn er seinen Typus verändert, machen wir einfach ein neues Set und überschreiben die alten Bilder." Wir, das waren neben Michael Jahnke sein Geschäftspartner Jürgen Kling, seines Zeichens Diplom-Betriebswirt, eine optimale Mischung für ein solches Unternehmen. Heute hat WANTED über 7000 Komparsen im Computer.
Die Software wurde von einem befreundeten Programmierer entwickelt. Was anfänglich nur als Datenbank gedacht war, ist mittlerweile die 10. Version einer Spezialsoftware. Neben diversen Suchfunktionen sind
immer mehr tools dazugekommen, die die Arbeit der Agentur erleichtern. „Das Programm ist wie eine große Badewanne, in die alles reingeschüttet wird. Wir haben dann die Möglichkeit, das Ganze zu sortieren. Insgesamt haben wir 16 000 Datensätze angelegt, das sind 7000 aktive Komparsen in Berlin, dazu kommen Komparsen in Hamburg, und in anderen Postleitzahl-Gebieten, dazu kommen Tiere etc. Wir legen da auch die Stablisten an von den Mitarbeitern, mit denen wir zu tun haben, Regieassistenten, Kameraleute, Kostümbildner. Ich habe die Möglichkeit, mir die Filter immer wieder neu zusammenzustellen. Ich kann mir z.B. alle Rothaarigen heraussuchen. Ich kann das auch auf den Kölner Raum beschränken. Oder nur die Rothaarigen, die unter 1 Meter 50 sind."
15 Leute arbeiten in der Agentur, 15 Computer hängen an einem zentralen Server, mit einem Mausklick kann jeder Mitarbeiter mit den Komparsen telefonieren, den Anrufbeantworter abhören, Emails abschicken oder eine SMS versenden. Durch die von der Agentur zugeteilte ID-Nummer ist jeder potentielle Nebendarsteller schnell auffindbar. „Ich bekomme täglich 150 Anrufe von Leuten, die einen Job suchen. Ich kann dann den Anrufer mit einem Mausklick auf die Jobliste setzen. Wir sind etwas anonymer als die anderen Agenturen, wir haben zwar auch Komparsenbetreuer, aber wir sind nicht so nah, dass wir ihm die Schuppen von der Schulter bürsten können."
Eigentlich braucht ein Komparse in der Agentur nie aufzutauchen. Er kann sich online mit seinen Fotos über die Homepage bewerben und bekommt seine ID-Nummer. Bewerben kann sich jeder, vom Baby bis zum Greis. Der Online-Kontakt (www.agentur-wanted.de) wird immer mehr zur Regel, auch für die Produktionsfirmen. Die hatten früher selten Internetzugang und wollten lieber in Fotoalben blättern. Auch der Kontakt zu den Komparsen hat sich geändert. Heute hat jeder ein Handy, eine Email-Adresse. Man kann auch seine
Bilder per Post schicken oder über die Homepage, aber es finden auch Castingtage statt. Einfach vorbeikommen geht nicht, denn nicht immer steht jemand zur Verfügung, der den Fotografen spielen kann. Noch immer kommt sehr viel Post, aber 50 % der Kontakte laufen schon online.
Wie muß man sich einen Auftrag an WANTED vorstellen? „Der Regieassistent kommt bei uns vorbei, sagt uns, die Kalkulation liegt bei 300 Komparsen – das ist normal bei Krimis - und er hat bestimmte Vorstellungen. Z.B. wird für eine Szene ein Bodybuilder gebraucht oder eine alte Frau Typ Märchenoma. Mit dieser Liste kommt er zu uns und dann setzen wir uns gemeinsam an den Rechner, gehen die Kartei durch und machen ein paar Vorschläge. Wir versuchen, die Leute zu kontaktieren, ob sie Zeit und Lust haben." Es gibt mehrere Möglichkeiten. Der Regieassistent kann auch über Internet in die Datenbank schauen und eine Vorauswahl treffen. Natürlich kann nicht garantiert werden, dass die Leute am Drehtag auch Zeit haben, denn der steht oft noch nicht fest. Man muss daher Alternativen haben. Also wird gleich ein Ersatz
gesucht, eine A- B- und C-Variante. Im Jahresdurchschnitt werden so pro Monat über 2000 Komparseneinsätze vermittelt. Der stärkste Monat ist der September, Dezember. Januar und Februar sind dagegen eher ruhig. Aber auch das Wetter spielt eine Rolle.
Fünf Mitarbeiter sind von 8 bis 21.30 Uhr in einer Art Call-Center damit beschäftigt, den Kontakt zu den Komparsen herzustellen. Drei Projektleiter kümmern sich um die Produktionsfirmen. „Ich brauche 20 Leute, die müssen schick gekleidet sein für ein Restaurant." Nach dieser Vorgabe werden dann die passenden Leute gesucht, oft sehr kurzfristig. Falls ein Komparse nicht am Drehort erscheint, wird versucht, jemanden zu finden, der einigermaßen passt und in der Nähe des Drehorts wohnt. Bezahlt wird von der Produktionsfirma. Und warum wird man Komparse? Viele möchten einfach raus, manche möchten sich was dazuverdienen (ca. 60 Euro pro Tag), aber auch der Glamour der Filmwelt lockt. „Wir versuchen gerade, es für die Komparsen attraktiver zu machen, es wird ein Bewerbungsvoting geben im Stil von „binichsexy.de". Man kann abstimmen, den möchte ich gerne beim Film sehen, den lieber nicht. Dann geht es nicht nur darum, einfach seine Daten abzuschicken."

 

 

 

"Des is´net escht"
Tagesspiegel 20.03.00

 

Hagen Koch ist schon allhier. Immer, wenn es um die Berliner Mauer geht, ist Hagen Koch dabei. Er ist Mauerspezialist. Diesmal steht er am Brandenburger Tor. Da haben sie an diesem sonnigen Sonntagvormittag einen Panzerwagen reingestellt. Auf östlicher Seite steht eine Postenkette mit vorgehaltener Maschinenpistole. Hundert Meter weiter steht ein Zaun, der den Touristensturm auf die martialische Szene abhält. Videokameras surren, eine Dame aus dem Hessischen klärt ihren Begleiter auf: „Nein, des is' net escht. Die drehe' da ein' Film."

Durch ein Megaphon ertönt die Stimme des Aufnahmeleiters: „Alles auf Position! Ton!" und so weiter. Jetzt glauben es auch die letzten, das des net escht is'. Sat l lässt hier einen Fernsehfilm drehen. Darin geht es um einen Fluchthelfer, den es tatsächlich gegeben hat. 1961 buddelte er einen Tunnel unter der Mauer durch. Er hieß Hasso Herschel, im Film ist es Heino Ferch. Die Szene am Brandenburger Tor spielt am 13. August 1961. Heino Ferch muss fassungslos auf die
Kampftruppen-Soldaten zugehen und erkennen, dass er hier nicht mehr durchkommt. Während des dritten Versuchs schiebt sich eine Wolke vor die Sonne, und sie müssen das ganze noch mal drehen. Hagen Koch war 1961 beim Mauerbau dabei. Als Kartografiesoldat. Später war er Kulturoffizier bei der Stasi, jetzt lebt er von seinen Mauerkenntnissen. Stolz erklärt er, dass er für den Film die historische Grenzbera-
tung liefert. Da weiß er natürlich, dass die Postenkette aus wehrhaft dreinblickenden k'amnfoTiinnpnsnIrlafpn damals erst am 15. August für die Fotografen aufgestellt wurde.
Auf westlicher Seite. Im Osten stand die Sperre dort, wo jetzt die Touristen nicht durch dürfen. „Aber wir sind ja hier beim
Film. Sie wissen schon. Da muss man verdichten", sagt Hagen Koch verschwörerisch. Dann wendet er sich der jungen Kollegi
von der „Bild"-Zeitung zu. Mit offenem Mund folgt sie seiner Lebensgeschichte. Heino Ferch und die Grenzsoldaten sind jetzt ganz weit weg.


Das Hinweisschild nutzte da wenig, da man an dieser Stelle West-Berlin nicht verlassen konnte. Weder am 13. August 1961 noch am Sonntag. Damals ließ Walter Ulbricht den Stacheldraht auslegen, gestern SAT 1.

 

 
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